Werkstück von Nina Geccelli-Scherer.
Handwerksform Hannover
Werkstück von Nina Geccelli-Scherer.

Lotte-Hofmann-Gedächtnispreis für Textilkunst

Mit einer ganz besonderen Ausstellung zur Textilkunst startet die Handwerksform Hannover in den Herbst.

Hannover, 17. September 2021.- Die Textilkünstlerin Karin Eberhardt verbindet in einzigartiger Weise ihre herausragenden handwerklichen Fertigkeiten mit wohl durchdachten künstlerischen Konzepten. Jede ihrer Arbeiten beginnt mit einem Entwurf, der maßgeblich für die Wahl der Materialien ist, die sie verwenden möchte. Dabei setzt sie ihrer Fantasie keine Grenzen, und so kommen vielfältige Dinge zum Einsatz, die sie mit der traditionellen Arbeitstechnik der Handstickerei verwandelt und neu inszeniert.

Es ist vor allem der Prozess des Stickens selbst, der die Künstlerin Karin Eberhardt prägt. Nur sehr langsam entsteht eine Arbeit in Handstickerei. Entschleunigung und die dadurch mögliche Selbstbesinnung bestimmen den Schaffensprozess und finden in der hohen Qualität der Werke ihren Niederschlag. Mehr als drei Jahrzehnte lang hat die diesjährige Preisträgerin des Lotte-Hofmann-Gedächtnispreises für Textilkunst 2021 ihren Weg als Stickerin und Textilkünstlerin verfolgt. Dabei ist es ihr gelungen, traditionelle Arbeitsweisen neu zu entdecken, aufzugreifen, zeitgenössisch zu interpretieren und auf diese Weise ihre künstlerischen Anliegen zu formulieren.

„Seit vielen Jahren bin ich Stickerin“, schreibt Karin Eberhardt. „Es war schon damals, als ich damit begann, völlig aus der Mode.“ Umso spannender, dass diese textile Technik derzeit eine Art Renaissance erlebt. Karin Eberhardt bleibt davon unberührt. Sie stickt Tag für Tag in ihrem Atelier in Saarbrücken von Hand und völlig allein alles, was noch gestickt werden muss. In ihren Werken erzählt sie „Geschichten des Unspektakulären“. Einfache Fundstücke des Alltags und Abfallprodukte entfalten bei ihr einen besonderen Zauber. Die Geschlossenheit des Gesamtwerkes und die Sensibilität der Künstlerin im Umgang mit den Materialien sowie die hohe Perfektion ihrer Stickereien haben die Jury überzeugt, ihr den Lotte-Hofmann-Gedächtnispreis für Textilkunst 2021 zuzuerkennen.

Der Wettbewerb für den Lotte-Hofmann-Preis sieht nur die Vergabe eines einzigen Preises vor. Davon abweichend hat sich die Jury in diesem Jahr einhellig dafür entschieden, zwei jungen Textilkünstlerinnen eine besondere Anerkennung auszusprechen. Eine Anerkennung erhält die Textilkünstlerin Anja Demuth, die im Oktober 2020 ihren Abschluss Master of Art im Textil- und Flächendesign an der Weißensee Kunsthochschule Berlin mit Auszeichnung absolviert hat und seither als freischaffende Textilkünstlerin tätig ist. Anja Demuth sucht neue, experimentelle Wege in der Textilkunst und beschäftigt sich unter anderem intensiv mit der Möglichkeit, Textilien mit einem 3D-Druck-Stift zu bearbeiten. Sie nutzt moderne Techniken wie Lasercut und 3D-Druck und verbindet das Ganze mit aufwändiger Handarbeit.

Die zweite Anerkennung wird an die Textilkünstlerin Johanna Stella Rogalla vergeben, die 2020 ihren Master-Abschluss an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle machte. Sie arbeitet zu den unterschiedlichsten Themenbereichen und drückt sich in hochkomplexen mehrlagigen Geweben aus. Rogalla nutzt das Potential, das in der Kombination von modernen, computergestützten Jacquard-Webstühlen und einfachen Schaftwebstühlen liegt, und schafft so Werke, in denen eine Symbiose zwischen einer von Hightech bestimmten und einer archaischen Ästhetik sichtbar wird. Beeinflusst wurden ihre Arbeiten unter anderem durch mehrmonatige Auslandsaufenthalte in Indien und Jordanien.

 

Aus den Finalisten des Wettbewerbs wählte die Jury weitere Teilnehmer*innen für die Ausstellung in Hannover aus.

Katharina Geccelli-Scherer ist ebenfalls als Stickkünstlerin unterwegs. So wie ein Maler Pinsel und Farbe verwendet, gebraucht sie Nadel und Faden, um fein differenzierte farbige Flächen zu gestalten. Es entsteht eine Art von Nadelmalerei, bei der die Stiche frei gesetzt werden, so dass Fäden unterschiedlicher Art und Farbigkeit eng, jedoch nicht ganz dicht beieinander liegen. Sie bilden zunächst kleine, meist quadratische Elemente, die an Millefiori-Gläser erinnern. In strenger Reihung oder in schwingenden Kurven angeordnet verschmelzen die Farben wie bei einem pointillistischen Gemälde

Nadine Göpfert hinterfragt in ihren internationalen Projekten die Beziehung zwischen Kleidungsstücken, Individuum und Gesellschaft, um unbewusste Verhaltensmuster im alltäglichen Gebrauch von Textilien aufzudecken. In der Ausstellung zeigen wir Teppiche, die aus dem normalen Zuschnitt von Quadrat, Kreis oder Rechteck ausbrechen.

Geli Haberbosch ist in der Ausstellung mit Arbeiten aus dem Futuristischen Garten, gewebten Objekten, die an Früchte erinnern. Wesentlich für ihre Arbeiten ist die Adaption traditioneller Techniken, um damit zeitgemäße Inhalte zu vermitteln. Das Prinzip der Reihung, wie es in der Natur, der Mathematik und der Musik vorkommt, übt einen großen Reiz auf die Künstlerin aus. Grundlagen ihrer Arbeit sind Linien, die sich überlagern und dadurch Bewegung oder Räume darstellen. Sie nutzt vor allem Färbe- und Webereitechniken. In ihren neuesten Arbeiten – so in der Serie Futuristischer Garten - erweitert sie die ursprünglich flachen Gewebe um eine weitere Dimension.

Ute Ketelhake aus Springe steuert zur Ausstellung einen handgeknüpften Hochflorteppich aus Lana Cotta bei. Für die von ihr entwickelten Second Life Rugs verwendet sie ausschließlich GOTS-zertifizierte Produktionsabfälle aus der Industrie, die bei der Herstellung von textilen Produkten anfallen und den Verbraucher nicht erreichen. Ihre ökologischen Unikat-Teppiche sind tritt- und abriebfest, flusenfrei, schmutzabweisend und sehr strapazierfähig.

Die Verwendung von Filz in der Kunst ist vor allem mit zwei Namen verbunden, Joseph Beuys und Robert Morris. Während Beuys an den schützenden, isolierenden und wärmenden Eigenschaften des Materials interessiert war, ging es Morris darum herauszufinden, wie es, in Bahnen hängend, unter Einwirkung der Schwerkraft wechselnde Formen bildet. In beiden Fällen entsteht der Eindruck von Schwere. Bodo Korsig geht ganz anders vor: bei ihm wird der schwarze Filz durch Cut-Outs auf ein filigran wirkendes Geflecht von Linien und unregelmäßigen Flächen reduziert, die Gebilde von schwebender Leichtigkeit und, frei im Raum hängend, unbestimmter Form entstehen lassen.

Heidrun Schimmel ist fasziniert von dem existenziell und symbolisch mit dem menschlichen Leben verbundenen textilen Faden. Zeitintensiver Arbeitsprozess, Instabilität, Flexibilität und Empfindlichkeit sind charakteristische Gegebenheiten aller Textilprodukte. Sie nutzt für ihre textilen Arbeiten eine ganz einfache Technik. Auf Organdy wird mit der Hand der Faden in mehreren Schichten geheftet: Stich für Stich.

Subtile Texturen, haptische Oberflächen und Strukturen stehen im Mittelpunkt der Arbeiten von Lucia Schwalenberg. Ihre bevorzugte Technik ist die Weberei, besonders die Jacquardweberei. In der Jacquardweberei wird jeder Faden einzeln angesteuert. Handgezeichnete Entwürfe und Bilder werden frei in Gewebe umgesetzt. In einem Dissertationsprojekt setzt sich die Textildesignerin und Weberin derzeit kulturhistorisch mit der Beiderwandweberei Meldorf als textilem Erinnerungsort auseinander. In diesem Zusammenhang entstanden die Arbeiten für die Lotte-Hofmann-Ausstellung in der Handwerksform Hannover. Beiderwand ist eine komplexe Gewebetechnik mit zwei Kett- und Schuss-Systemen und partiellem Hohl- bzw. verbundenem Gewebe. Die Gewebeseiten zeichnen ein kontrastreiches Positiv-Negativ-Bild. Der Name Beiderwand leitet sich von diesen beiden Gewebeseiten ab oder von beiderlei Garn. Die Entwürfe für die Ausstellung webt Lucia Schwalenberg von Hand am digitalen Jacquardwebstuhl.

Die traditionelle Form des Bodenteppichs wird von Katja Stelz neu interpretiert, indem sie auf alle dekorative Ausgestaltung verzichtet und die monochrome Fläche nur durch parallele oder sich rechtwinklig kreuzende Linien gliedert. Die Besonderheit der Teppiche besteht darin, dass sie beidseitig nutzbar sind. Die Technik des Doppelgewebes ergibt zwei gegengleiche Gewebeseiten, die eine mit hellen Linien auf dunklem Grund, die andere mit dunklen auf einem hellen Fond. Die Möglichkeit, die Teppiche zu wenden, erlaubt es, den Charakter eines Raumes gewissermaßen mit einer Handbewegung zu verändern.

Monika Supé kommt von der Architektur und interessiert sich vor allem für den Menschen im Raum. Ihre Ausdrucksmittel haben sich aus der Zeichnung entwickelt. Lineare Materialien wie Schnur, Faden und vor allem Draht werden verstrickt oder verhäkelt zu dreidimensionalen Gebilden. So entstehen textil anmutende, durchsichtige, hüllenartige Objekte, die wie monochrome Zeichnungen ohne das Trägermaterial Papier im Raum schweben, von Wänden hängen oder auf Podesten stehen. Manche dieser gewebeartigen Hüllen sind bekleidungsähnlich und thematisieren das Bedecken des menschlichen Körpers, einige ähneln Kopfbedeckungen, wieder andere dem menschlichen Körper selbst und manche erinnern an Behausungen in Miniaturformat mit reusenartigen Öffnungen.

Patricia Waller nutzt die textile Technik des Häkelns. Ihre Objekte kommen auf den ersten Blick oft harmlos daher, weil sich die Künstlerin eines Materials und einer Technik bedient, die spießbürgerliches Glück in häuslicher Bescheidenheit suggerieren. Tatsächlich sind sie meistens bitterböse Kommentare, die hinter Vertrautem Abgründe sichtbar machen und die scheinbare Idylle, ob gemütliches Heim, Kindheit oder Natur, in ihrer Brüchigkeit zeigen. Indem sie mit Mitteln der Karikatur arbeitet, aber auch Elemente des kritischen Realismus der 1920er Jahre und der Pop Art aufnimmt, steht Patricia Waller in einer künstlerischen Tradition, die sie mit der konsequenten Verwendung einer „armen“ Technik (Häkeln) in den aktuellen künstlerischen Diskurs überführt .

 

 

 

Zum Lotte-Hofmann-Gedächtnispreis für Textilkunst:

Seit 1984 wird der Lotte-Hofmann-Gedächtnispreis für Textilkunst in regelmäßigen Abständen vergeben. Dieser bundesweit einmalige, von den Schwestern Lotte- und Käthe Hofmann aus Karlsruhe gestiftete Wettbewerb hat das Ziel, die Textilkunst in Deutschland zu fördern und das Werk herausragender Textilkünstler*innen zu würdigen. Die Teilnahme am Wettbewerb steht Künstler*innen aus allen Bereichen des textilen Schaffens offen mit einer Ausnahme: Bewerber*innen, die ausschließlich Bekleidung und persönliche Accessoires entwerfen und fertigen, sind nicht zugelassen. An der Wettbewerbsrunde 2021 beteiligten sich 153 Bewerber*innen. Der Preis ist mit 3.000 Euro dotiert. Das Preisgeld wird von der Handwerkskammer Hannover zur Verfügung gestellt. Neben der Preisträgerin Karin Eberhardt, die für ihr Lebenswerk ausgezeichnet wird, erhalten zwei junge Nachwuchskünstlerinnen eine lobende Anerkennung: Anja Demuth und Johanna Rogalla. Für diese Küntlerinnen stellt die Handwerksform Hannover ebenfalls die Preisgelder in Höhe von je 500 Euro zur Verfügung.





Ausstellungseröffnung:
Freitag, 17. September 2021, 20 bis 22 Uhr

Ausstellungslaufzeit:
18. September 2021 bis 16. Oktober 2021

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Freitag 11 bis 18 Uhr
Samstag 11 bis 14 Uhr
Sonntag, Montag und an gesetzlichen Feiertagen geschlossen

 

Hinweis für die Eröffnung und den Besuch der Ausstellung:
Es gilt die 3G-Regel mit Nachweis und Maskenpflicht.

 

 

Karin Eberhard
Werkstück Nina Geccelli-Scherer



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Ansprechpartnerinnen:

Nina Lemmerz-Sickert
Abteilungsleiterin Kommunikation & Veranstaltungen sowie Stabsstelle strategisches Themenmanagement

Tel. (05 11) 3 48 59 - 36
Fax (05 11) 3 48 59 - 32
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Dr. Sabine Wilp
Kuratorin

Tel. (0511) 3 48 59 - 21
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